Rennsteiglauf (vom 20.05.2000)

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"Wer in der Welt was auf sich hält läuft von Eisenach nach Schmiedefeld!"
74,3 Km - 1450 Höhenmeter

Ich liege auf dem Bett und starre auf ein Blatt Papier.
Es ist nur ein belangloser Zettel, schnell ausgedruckt in einem Tintenstrahldrucker und etwas zerknittert. Eine Zeit lang hatte ich ihn unter meiner Jacke getragen, um ihn vor einem sinnflutartigen Regenguß zu schützen.
Fünf Tannen sind mit dickem Pinselstrich darauf gemalt, das Zielbanner einer Laufveranstaltung und eine Menge bunter Kugeln, die wohl die Läufer darstellen sollen, über Allem thront der Schriftzug "Urkunde", darunter steht:

TEAG Supermarathon

Startnummer: 00973
Klasse: M30
Kühr, Heíko
D-65520 Bad Camberg
Laufzeit (76 km): 7.44.09
Klassenplatz: 0037
Gesamtplatz: 00263

hat erfolgreich das Ziel erreicht!

Ein Zettel? Ein Blatt Papier?
Vielleicht - aber für mich ist er unglaublich wertvoll.
Ich blicke auf das Blatt Papier und der Lauf zieht noch einmal an meinem inneren Augen vorbei.

Es ist 3.45 Uhr.

Wir sitzen im Auto und fahren in Richtung Eisenach.
Das Außenthermometer kann sich nicht entscheiden ob es 4C oder 5C anzeigen soll und springt aufgeregt hin und her.
Die Straße ist naß.

5.20 Uhr

Wir sind in Eisenach - es regnet.
Im einem Haus am Rande des Marktplatzes bekomme ich meine Startunterlagen und suche mir gleich im Eingang, hinter einer Art Windfang, ein Plätzchen um mich umzuziehen.

Die zwei Läufer neben mir sind schon fertig. Sie machen einen gelassenen Eindruck.
"Ist es dein Erster?" fragt mich der Größere von den Beiden.
Er ist hager, Mitte vierzig und sieht im großen und Ganzen verdammt fit aus.
"Ja. Heute ist Premiere." antworte ich.
"Mach bloß langsam und wenn du eine findest, dann lauf neben einer Frau, die haben im Allgemeinen ein besseres Tempogefühl und laufen gleichmäßiger. Das hier ist wie ein Hundert Kilometerlauf. Bis später!" sagt er und geht sich warm machen. Zurück bleiben nur der Duft von Franzbranntwein und ein mulmiges Gefühl in meinem Bauch.
Draußen auf dem Marktplatz läuft Musik, der Sprecher sortiert seine Papiere, Läufer machen sich warm und tippeln scheinbar ziellos durch die Gegend...

5.50 Uhr

Am LKW, der die Kleiderbeutel nach Schmiedefeld transportieren wird, herrscht Gedränge.
Jetzt bin auch ich einer der ziellos durch die Gegend tippelnden Läufer.
Aus den Lautsprechern tönt eine Ansage:
"Liebe Läuferinnen und Läufer, ich bekomme gerade die Meldung, dass auf der Schmücke nur 2C und Schneeregen sind - heute kommt Einiges auf euch zu."

Na gut, die Überlegung ohne Jacke zu laufen hat sich damit von selbst erledigt. Wenn es später im Laufe des Tages doch noch wärmer werden sollte, kann ich die ja ausziehen und mir um den Bauch binden.
Die Strecke habe ich im Kopf in kleinere Abschnitte unterteilt.
Der erste Punkt, den es in noch guter Form zu erreichen gilt ist der Inselsberg, der mit seinen 919m der zweithöchste Berg des Laufes ist. Bis dahin geht es gut zwanzig Kilometer nur bergauf. Ende des zweiten Abschnittes, am Grenzadler kurz vor Oberhof bei Km 56, sollte ich mich noch einigermaßen unter Kontrolle haben und auf den letzten Zwanzig Kilometern kann ich nicht sagen, was passieren wird - da beginnt das Neuland - vergleichbar mit den "weißen Flecken" auf der Landkarte vor 150 Jahren, nur sind diese unentdeckten Weiten noch tief in mir verborgen.

5.57 Uhr

Die Läufer zieht es zum Start wie Rehe zur Futterkrippe. Der Oberbürgermeister von Eisenach richtet noch einige Worte an uns Läufer von denen bei mir jedoch vor lauter Aufregung Nichts ankommt außer: "Na dann viel Glück!!!"

6.00 Uhr

Peng!!! Der Startschuß!
Gemütlich setzt sich die Masse in Bewegung. Circa 1000 Läufer sind jetzt auf der 75 Km Strecke und suchen sich mit mir ihren Weg durch die Innenstadt von Eisenach. Wie ein riesiger Wurm schlängelt sich das Läuferfeld durch die menschenleeren Gassen.

5 km

Eisenach haben wir hinter uns gelassen. Ein befestigter Waldweg führt sanft bergauf. Toll!
Ein Waldlauf wie er im Buche steht. Das Läuferfeld zieht sich allmählich in die Länge. Es beginnt leicht zu nieseln.

10 km

55 min sind vorbei. Bis auf den Regen läuft alles wie geplant! Bloß nicht zu schnell angehen!
Bin ich schon zu schnell? 6 min auf den Kilometer würden auch reichen.
Kann ich dann unter acht Stunden laufen?
Was ein Quatsch! Ich weiß nicht mal ob ich ankomme und mach mir Gedanken ob ich unter acht Stunden laufen kann. Mann Heiko! Bleib locker, halte den Rhythmus und denk an was Schönes!

12 km

Der Nieselegen ist erwachsen geworden, nennt sich jetzt "kräftiger Dauerregen" und schüttet sich über uns aus. Ein Hubschrauber mit einem Kamerateam an Bord schwebt über einer Waldlichtung und verbreitet ohrenbetäubenden Lärm. Mit zusammengekniffenen Augen sehe ich nach oben und winke - vielleicht bin ich ja später irgendwo zu sehen.
Dicke Regentropfen klatschen mir ins Gesicht.

15 km

1.25 h - Ich laufe etwas langsamer. Sicher ist sicher.
Links vor mir läuft ein hagerer Typ in langen schwarzen Tights, Langarmtrikot und Schirmmütze.
Auf der Rückseite seines Trikots hat er ein Blatt Papier mit Sicherheitsnadeln befestigt auf dem steht: "Wer in der Welt was auf sich hält läuft von Eisenach nach Schmiedefeld!" Und darunter stehen in großen Lettern die furchteinflößenden Fakten: 75 km - 1500 Höhenmeter.
Ich muß schmunzeln.
Er zählt auch zur "Grauhaarfraktion" der ambitionierten Läufer auf der 75ger Strecke, vor denen ich den Hut ziehe, zumal mich ettliche von ihnen auf den letzten Kilometern mit Sicherheit "stehen" lassen werden. Mit meinen 31 Jahren gehöre ich augenscheinlich einer Minderheit an.
Jetzt ist es Zeit für meinen ersten Powerbar.
Mit klammen kalten Fingern fummele ich ihn aus meiner Gürteltasche, laufe etwas gemütlicher, beginne mein zweites Frühstück und blicke in die Landschaft.
Der Himmel ist mit dunklen Wolken behangen, das Grün der Bäume schimmert durch die Regentropfen im fahlen Licht des Morgens. Wind kommt auf. Es ist kalt.
Hätte ich doch bloß eine lange Hose angezogen!
Gegen Kälte an den Beinen bin ich empfindlich und bekomme Probleme mit den Bändern, das weiß ich nur zu gut. Hoffentlich wird es am späteren Vormittag noch wärmer.

17 km

War mein Powerbar durch meine Körperwärme vor wenigen Minuten noch relativ weich (wenn bei diesen Dingern das Wörtchen "weich" überhaupt angebracht ist) , so ist er während des Laufens in meiner Hand durch die kalte Luft knüppelhart geworden, so daß ich ihn kaum noch beißen kann.
Geschlagene 20 min brauche ich um ihn herunter zu würgen.

25,5 km Inselsberg (2.15 h)

Mann war das gerade ein Anstieg!
Phuuuh!
Erst dieser mysteriöse wurzelige Stich, mitten durch die Bäume, so daß ich mir vorkam wie ein Waldschrat auf der Flucht und jetzt das Brett hier.
"Kommt eigentlich heute noch der Inselsberg oder kommen wir dort nie hin?" frage ich den Typen mit Brille, der gerade neben mir keucht.
"Da ist er doch! Siehst du nicht den Turm?" schnauft er zurück.
Ich drehe meinen Kopf nach links. Da steht er. Friedlich im Nebel als könne ihn Nichts erschüttern, gespenstisch, überlegen und was weiß ich sonst noch alles.
Ok. Die erste meiner Etappen habe ich geschafft und fühle mich noch in Ordnung.
Kaum am Turm vorbei geht es auch schon Treppenstufen hinunter. Gleich auf der Ersten rutsche ich aus kann mich aber fangen und komme mit dem Schrecken davon. Der Treppe folgt ein Asphaltweg der so steil abwärts geht, daß ich überlege zu gehen, tu es dann aber doch nicht sondern mache nur kürzere Schritte. Scheiße! Geht das in die Knie!
Bloß locker bleiben, wir haben erst ein Drittel geschafft.

45 km (kurz vor dem Verpflegungspunkt Neuhöfer Wiese)

Seit 4 km laufe ich mit Holger aus Leipzig zusammen. Inzwischen wissen wir voneinander wieviel wir jeder für diesen Lauf trainiert haben, was wir arbeiten und warum wir uns das antun, bekommen aber langsam unsere Zweifel...
Ich sage zu Holger: "Scheiße, tun mir die Beine weh! Normaler Weise sind wir ja auch schon fertig und sind jetzt schon 3 km über dem Soll."
Er grinst nur müde für einen Augenblick und starrt dann wieder mit leeren Blick auf den Weg.
Nach einer Biegung sind wir am nächsten Verpflegungspunkt.
Inzwischen sehe ich diese Stationen nicht mehr in erster Linie als Orte an denen man etwas zu essen und zu trinken bekommt, sondern als Gelegenheit stehen zu bleiben.

54 km (Grenzadler)

Mir geht es beschissen! Das Wort an sich nämlich "BESCHISSEN" beschreibt meine Verfassung in keiner Weise aber mir fällt nichts Besseres ein.
Aus dem Wald geht es heraus über eine Wiese von der aus man schon von weitem den Verpflegungspunkt Grenzadler sieht. Der Regen ist allgegenwärtig.
Eine Kurve noch, über die Zeitnahmematte laufen, dann darf ich für einen Moment stehen bleiben und essen.
Noch auf der Wiese sehe ich meinen Vater mit seiner Frau. Sie winken mir zu.
Mein Vater macht einige Fotos und sagt: "Super, mein Junge, daß du schon hier bist hätten wir nicht gedacht. Ist dir nicht kalt? So ein Scheißwetter.!"
"Ja." sage ich und gehe zum Verpflegungsstand.
Habe ich mich bisher von meinen Powerbars ernährt, so greife ich jetzt nach einem Schmalzbrot und einem Becher Haferschleim. Bis jetzt war ich skeptisch, wie mein Magen auf so ungewohnte Kost reagiert, doch nun ist es mir egal. Ich werde es ja merken und viel schlechter kann es mir nicht gehen. Der Haferschleim ist angenehm süß und füllt den Magen sehr gut.
Meine Powerbars konnte ich schon nicht mehr sehen.
Während ich noch beim Essen bin kommt der Läufer an den Verpflegungsstand mit dem ich mich vor dem Start beim Umziehen unterhalten hatten. Nach kurzem Gruß und einem gezielten Griff nach einem Becher Haferschleim läuft er weiter als hätte er einen Termin - nicht super schnell aber konstant wie eine Maschine.
Na meine Fresse!' denke ich und sehe wieder einmal warum ich solche Achtung vor den grauhaarigen Jungs habe.
Als auch ich meinen Becher leer habe (natürlich war er schon einige Minuten länger leer aber ich fand es einfach angenehm nur so dazustehen) drehe ich mich noch einmal zu meinem Vater um und rufe zu ihm herüber: "So, dann schleppe ich mich mal weiter! Bis später!"

Die Bänder links und rechts an meinen Knien machen mir zu schaffen. Es ist einfach zu kalt.
Ich habe das Gefühl auf Stöckern zu laufen, auf Krücken von denen nicht klar ist ob sie zu meinem Körper gehören oder nicht.
Mann tut das weh! Jeder Schritt bedeutet Schmerz. Um weiter zu kommen sind viele Schritte von nöten - jeder Schritt hat die gleiche Bedeutung.
Ich muß pinkeln.
An der nächsten Hecke bleibe ich stehen, sehe auf die nassen Blätter und warte auf die Entleerung meiner Blase.
Nichts!
Bin ich vielleicht nur stehen geblieben weil ich hoffte pinkeln zu müssen? Weil auf jeden schmerzvollen Schritt ein neuer schmerzvoller Schritt folgen wird? Aber es hat doch gedrückt!?
Egal! Denke ich und laufe mit stacksigem Schritt weiter.

58 km (Rondell)

Ein Getränkestand ist hier aufgebaut und etliche Zuschauer haben sich hier versammelt.
Durch die Möglichkeit an dieser Stelle in unmittelbarer der Laufstrecke parken zu können ist dieses ein nahezu idealer Platz, das Geschehen auf der Strecke zu verfolgen. Ich steuere auf den Getränkestand zu, greife mir einen der Becher und bleibe stehen. Eigentlich habe ich noch genug zu Trinken in meiner Flasche und Durst verspüre ich auch keinen - stehen - Nur stehen bleiben, nur für einen Moment. Außer mir passieren noch zwei Läufer den Stand. Die Zuschauer honorieren unsere Leistung mit lautem Jubeln und Klatschen. Ich bemühe mich um ein Lächeln. Schwer zu sagen was ich für einen Gesichtsausdruck habe, aber ich denke, daß das Bild was ich von mir im Kopf habe nicht einmal annähernd an die Realität heran kommt. Ich stelle meinen geleerten Becher hin und laufe weiter.

63 KM (Auf der Rückseite vom Beerberg)

Seit einiger Zeit überhole ich Wanderer mit Startnummern auf dem Rücken.
Unser Läuferfeld, wenn es überhaupt noch den Namen verdient, hat sich inzwischen so weit auseinander gezogen, daß zwischen den Läufern gut und gerne 30 bis 40 Meter Platz ist und nur selten welche zusammen laufen.
Ein Wanderer kommt uns entgegen.
Er gehört nicht zur Gruppe der "Walker", sondern hat scheinbar den frühen Samstagmorgen genutzt um sich zu Fuß einen Eindruck vom diesjährigen Rennsteiglauf zu machen.
Er ist ein klein gewachsener älterer Mann mit einem Jagdrucksack der die selbe Anzahl von Jahren auf dem Buckel zu haben scheint, der verträumt an uns vorbei schaut und zählt. "Zweihundertdreiundfünfzig, Zweihundertvierundfünfzig..."
Als ich auf seiner Höhe bin gibt er mir die Nummer 256.
Was ist denn mit dem los? Zählt er etwa die Läufer?
Könnte schon sein, immerhin kommen ihm Alle entgegen.
Laufe ich wirklich gerade an 256ter Stelle? Das würde ja bedeuten, daß ich mich im vorderen Drittel des Feldes befinde - bin ich wirklich so gut?
Ich habe meine Zweifel, schweife mit meinen Gedanken immer weiter ab, bis ich nur noch wie in Trance laufe.

65 KM

Ein Schild steht am Wegrand.
"65 KM" steht darauf in schwarzen Buchstaben. Was eine Zahl: "Fünfundsechzig!"
Ich kriege so ziemlich alles in meinen Kopf:
20Km - OK;
30KM - langer Lauf - OK;
42,195KM Marathon - OK - aber da steht eine 65!
Mehr irreal als Wirklichkeit.
Irgend Etwas in meinem Inneren sagt mir: "Auf Verkehrsschildern an Landstraßen oder Autobahnen stehen solche Zahlen geschrieben!"
Hmmm?!?
Dort bringt ihr Erscheinen wahrscheinlich auch Niemanden aus der Ruhe oder machen Nachdenklich, es sei denn man hat sich verfahren.
Kann eine Zahl befremdend wirken?
Ich denke: "Ja!"

Ich habe mal einem "Nichtläufer" davon erzählt, daß nach einer Zeit beim Laufen der Punkt kommt, an dem sich der Geist vom Körper trennt.
Das ist heute schon viele Kilometer her.
Mein Körper läuft allein, gebadet in Schweiß, Regen, Dreck und Schmerz. Mein Geist baumelt irgendwo weit über mir im Nebel - Keine Ahnung was er dort oben tut, aber es scheint ihm gut zu gehen.

65,5 KM (Schmücke)

Das hier ist die letzte Verpflegungsstelle! Flink macht sich mein "Geist" auf um schnell wieder in meinen Körper zurück zu kehren, um daran teil zu haben, wenn gleich ein Becher Haferschleim meine Kehle hinunter rinnt. Der Parkplatz ist gähnend leer - Kein Wunder bei dem Sauwetter.

67 KM

Mein Darm drückt! All die Powerbars, das Brot und der Haferschleim haben keinen Bock mehr und wollen raus. Ich sehe mich nach einer geeigneten Stelle um, biege den nächsten Weg rechts ab und stiefele ins Unterholz.
Hm?
Wie mache ich das jetzt nur ohne beim Hinhocken einen Krampf zu kriegen?
Ich habe zwar alle 1,5 Stunden eine Magnesiumtablette genommen, aber trotzdem Bedenken, ob das noch nach über 65 KM hilft, wenn ich gleich mal eben in die Hocke gehe. Ich stelle mich neben einen Baum, halte mich an seiner nassen Rinde fest und lasse mich langsam Zentimeter für Zentimeter tiefer herunter.
Von Krämpfen verschont geblieben und um Einiges leichter komme ich aus dem Unterholz und stakse auf der Strecke weiter.

70 KM

Hatte mir nicht gerade jemand die verheißungsvollen Worte:
"Ab der Schmücke geht's nur noch bergab!" , zugerufen?
Was ist denn das hier?
Vielleicht eine Fatamorgana oder was?
Fatamorganas tun nicht weh aber das hier ist ein Anstieg wie er nicht wirklicher sein könnte.
Ich mache meine Augen zu und verkrieche mich in einem der äußersten Winkel meines Bewußtseins, von dem ich mir Schutz vor weiteren Enttäuschungen erhoffe und bete, daß die noch Kommenden bitte an dieser Ecke vorbei ziehen mögen.
Der Waldboden ist von den stundenlangen Regengüssen aufgeweicht. Bei jedem Schritt muß ich aufpassen um nicht umzuknicken oder gänzlich auszurutschen und der länge nach im Matsch zu landen.
Der Anstieg ist geschafft!
Nur noch gute 5 Kilometer. Eine knappe halbe Stunde lang Dinge ertragen, vor denen ich mich in mir selbst zu verstecken versuche. Schmerzende Bänder an den Knien, vor Kälte taube Oberschenkel, gefühllose klamme Finger...
Das Ende all Dessen ist absehbar.
Unmerklich werde ich schneller. Leicht geht es bergab.
Ich bemühe mich um lange Schritte, lasse mich "rollen".

74 KM

Irgendwann führt der Weg aus dem Wald heraus und laute Musik ist zu hören. Es kann nicht mehr weit sein.
Huch, die Sonne kommt raus!
Es ist angenehm ihre warmen Strahlen auf meinen rot gefrorenen Oberschenkeln zu spüren.
Wieviel Ecken mögen es noch sein um die ich biegen muß?
Vorbei an einigen Schrebergärten, immer der Absperrung hinterher, eine Kurve, dann noch Eine und noch eine...
Ich will nicht mehr!!!
Ahhhh! Die Zielgerade!
Ein Gefühl nimmt von mir Besitz, das stark genug wäre, die eine oder andere Träne hervorzubringen. Aus meiner
Magengegend kommend, breitet es sich allmählich in meiner Brust aus und kriecht langsam aufwärts Richtung Hals.
Nur zwanzig Meter vor mir ist ein anderer Läufer.
Den will ich noch kriegen!
Auch wenn es vielleicht blödsinnig klingt, nach Alldem noch einen Endspurt hinlegen zu wollen, ist es eine willkommene Ablenkung um nicht losheulen zu müssen.
Fünf Meter vor dem Ziel überhole ich noch den anderen Läufer und komme nach 7h 44min in Schmiedefeld im Ziel an.

 

Ich bin da.

 

Gebracht hat mir das natürlich herzlich wenig, mal abgesehen davon, daß ich nicht hemmungslos heulen mußte, während ich über die Zielmatte lief.

Ich will heute nur noch EINES - mich nicht mehr bewegen!

...und morgen werden wir sehen ob ich es noch kann...

...was bedeutet eigentlich 100% Regenwahrscheinlichkeit?
...daß es regnet oder daß es erst regnen wird...
...daß es wahrscheinlich regnen wird?

...wenn es regnet - weint dann der Himmel?
...wer ist der Himmel?
...ist er gut oder böse?

...baden wär auch eine gute Idee...
...und ESSEN, richtiges ESSEN...
...und nicht bewegen...

...was ist denn nun mit dieser Regenwahrscheinlichkeit?!
...ich glaube ich bin ein wenig neben der Spur...

Mensch, ich hab's geschafft!

Eine Träne kullert über meine Wange,
stolpert über meine Lippen
und
verliert sich im Regen...

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