Frankfurt am Main der 31.10.1999

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Sechs Uhr dreißig klingelt der Wecker.
Hondo (mein Hund) schläft noch.
Erst als ich zu ihm sage: "Hondo! Los aufstehen!" , hebt er verschlafen den Kopf und sieht mich fragend an, als wolle er sagen: “Häääää? Aufstehen? So früh? Am Sonntag?“

„Ja am Sonntag müssen wir so früh aufstehen, denn heute ist der 31.10.99 - heute ist Frankfurt-Marathon.
Ob Ronny schon wach ist?“
Widerwillig steht Hondo auf und wir gehen zusammen über die Wiese hinterm Haus.
Er hat sichtlich keine Lust und schleppt sich träge, mit verschlafenen Augen hinter mir her.

Frühstücken!
Frühstücken ist wichtig! Eine Tasse Kaffee, drei Honigbrötchen und schon habe ich
meinen Existenzberechtigungsschein für den heutigen Tag.
Gut, daß ich meine Sachen schon gestern Abend eingepackt habe, denn es ist schon 8.15 Uhr und Ronny wartet bestimmt schon ungeduldig in der Tiefgarage!

So ist es dann auch.
Ich bin aufgeregt.
Ronny auch.
Aber wir zeigen es jeder auf andere Art. Ich rede und rede und höre nicht mehr auf.
Rede über den bevorstehenden Lauf, wann ich essen will, wieviel ich trinken muß und daß ich auf keinen Fall vergessen darf, meine Brustwarzen mit Pflaster ab zukleben (weil mein naß geschwitzes Hemd sie sonst ab Km 15 gnadenlos aufscheuert) und meine Achselhöhlen einzufetten.
Ronnys Fiat flitzt über die Autobahn.
Hinter vereinzelten Wolken kommt verschämt die Sonne hervor und läßt die Landschaft
goldgelb erstrahlen.
Letzes Jahr sind wir die ersten fünf Kilometer bei Nieselregen gelaufen.
Sollte heute doch noch schönes Wetter werden?
Ronny sagt nichts. Ronny sagt vor Wettkämpfen immer Nichts!

9.40 Uhr

Wir sind angekommen!
Mit dem Bus fahren wir vom Parkplatz am Reebstockweiher zum Messegelände.
Vor der Messehalle ist schon der Teufel los.
Bunte Sportanzüge aller Hersteller und Konfektionsgrößen mit Sporttaschen auf dem Rücken oder in der Hand wimmeln durcheinander.
Wie im letzten Jahr lassen wir uns zum Umziehen neben der Damentoilette nieder.
Das hat zwei entscheidende Vorteile. Zum Einen ist es hier hinten in der Halle leerer als vorn und zum Anderen hat man fast immer eine freie Toilette zur Verfügung (Bedingt durch die geringere Beteiligung der Frauen).
Den zweiten Vorteil nutze ich gleich aus! (bevor noch mehr Männer auf die geniale Idee kommen)
Als ich wieder aus der Toilette komme, ist Ronny schon fertig umgezogen.
Hmmm?!?? Laufe ich in kurz oder Lang???
Kurz oder Lang – das ist hier die Frage!!! Einfetten muß ich mich auch noch, damit ich mir keinen „Wolf“ laufe. Schließlich ziehe ich meine kurzen Laufsachen an und absolviere einen lockeren 50m Probelauf vor der Halle.
Die Sonne scheint und es sind vielleicht knapp 14°C.
‚Gar nicht so schlimm!‘, denke ich, ‚Und wenn ich nachher erst mal so richtig am „arbeiten“ bin, sind die Temperaturen wahrscheinlich genau richtig.‘

9.35 Uhr

Mit unseren Kleiderbeuteln bepackt betreten wir den Platz vor der Messehalle.
Das Wetter sieht richtig gut aus.
Nur vereinzelte Haufenwolken ziehen harmlos über den blauen Himmel. Unsere Jacken lassen wir noch an und machen uns warm.

9.50 Uhr

Jetzt ziehen wir die Jacken aus und geben unsere Kleiderbeutel an einem eigens dafür bereit gestellten LKW ab, der sie zurück zur Messehalle bringen wird.
Auf zum Start!

9.56 Uhr

Die Ruhe vor dem Sturm.
Dicht gedrängt stehen wir in der unübersehbaren Menschenmenge im Startblock B2.
Um mich herum höre ich schon die Pulsmesser einiger anderer Starter. Mit gewohntem Griff schalte ich auch Meinen an. Piep, Piep, Piep... – Puls 85.

9.58 Uhr:

Irgend jemand sagt: „Die paar Meter knallen wir schnell weg und gehen dann ein Bier trinken!“ Danach lacht er unsicher. ;-)
Mein wortkarger Ronny sagt nun gar nichts mehr und auch ich bin auf einmal sehr ruhig.
Viele Fragen schießen mir durch den Kopf.
‚Habe ich mich richtig vorbereitet?‘
Seit Anfang Juli bin ich über 900 Km gelaufen, gestern habe ich genug gegessen, genug getrunken und geschlafen habe ich auch gut – aber ganz sicher bin ich mir jetzt nicht.
Den heftigen Krampf im rechten Oberschenkel bei Kilometer 31 im letzten Jahr habe ich noch gut in Erinnerung.
Mit Schmerz verzerrtem Gesicht stand ich wimmernd an einer roten Backsteinmauer zwischen einigen Zuschauern, die mich mit ratlos – sorgenvollen Blicken ansahen.
Als der Krampf vorüber war bin ich damals vorsichtig weiter gelaufen und noch
bei 3.49.03 h ins Ziel gekommen.
Das sollte mir nicht mehr passieren!
Natürlich wäre eine neue Bestzeit schön, aber in erster Linie möchte ich sauber und zügig die 42,195 Km durchlaufen - von Anfang bis Ende meinen Körper im Griff haben, das wäre was...

PENG!!! 10.00 Uhr :

Der Startschuß reißt mich aus meinen Gedanken. Langsam und träge setzt sich die Menge in Bewegung.

0 km

Die Startlinie mit der Gummimatte!
Ein Piepkonzert, ausgelöst durch die unzähligen Läufer, die jeder einen
Chip für die „Echtzeitmessung“ am Schuh tragen, erfüllt die Straße mit einer chaotisch klingenden Melodie.
Piep, Piep, Piep... - ein Piep war mein Chip. Jetzt gilt es! Die Zeit läuft! Nur die Ruhe behalten und nicht verrückt machen lassen.
Ich muß meinen Rhythmus finden und den Puls unter 175 halten.

3 km

Wir „schwimmen“ mit der Menge.
Überholen ist zwecklos, kostet zu viel Kraft und ist im Moment genau das, was ich für einen ruhigen Puls am wenigsten gebrauchen kann.

Puls: immer noch 178 - Zu aufgeregt, zu viele Tempowechsel, zu viel Gedränge!

5 km

Erste Verpflegungsstelle!
Gut, daß ich meine Trinkflasche am Gürtel habe, so brauche ich mich nicht anhalten und mich nach einem Schluck Wasser anstellen. Ich kann trinken, wann ich es für nötighalte und, was fast noch wichtiger ist, ohne das kostbare Naß zu verschütten.
Sicheren Schrittes laufe ich an den Tischen vorbei und sehe auf meine Pulsmesser:

172 – in Ordnung. Der Motor läuft jetzt im „Grünen Bereich“!

Ronny ruft mir noch kurz zu, daß er sich was zu Trinken holen will und ist verschwunden.
Um 3.30h zu erreichen, müßten wir genau 5min pro Kilometer laufen!
Bis jetzt kommt das in Etwa hin.
Wir sind zwar 20 sec hinter der Zeit, jedoch ist Marathon laufen ein wenig wie Pokern. Man darf es am Anfang nicht übertreiben, sonst bekommt man die Quittung bei Km 30, wenn der Mann mit dem "Hammer" kommt und einem schlicht und einfach die Beine weghaut.
Noch sind wir vorsichtig.

7 km

Wir haben uns verloren!
Wahrscheinlich ist Ronny im Gewühl an der Getränkestelle stecken geblieben.
Sehen wir uns ja noch mal?
Hoffentlich dann unter besseren Umständen als letztes Jahr bei km 31 an der roten Wand!

10 km

Ronny ist wieder da!
Meine Stoppuhr zeigt: 51.10 min.
Das ist in Ordnung!
Da ist auch die nächste Verpflegungsstelle. Diesmal muß auch ich „nachtanken“.
Etwa hundert Meter vor den Tischen schraube ich vorsorglich meine Flasche auf und trinke den Rest.
Da sind die Tische! Im Vorbeilaufen greife ich nacheinander drei Becher, zwei mit Wasser, und einen mit Apfelsaft, schütte alles in meine Flasche und weiter geht’s.

12 km

Wir müssen uns bremsen.
Unmerklich hatten wir das Tempo angezogen und jetzt ist mein Puls bei 176.
Für diesen Teil der Strecke ist das noch zu hoch – ich bin lieber noch vorsichtig, denn wir haben noch 30 Km vor uns.

14 km

Immer noch zu schnell – langsamer laufen!!!

15 km

Die Getränkestelle lasse ich wieder aus. Ich habe Alles, was ich brauche.

20 km

Wir sind in Höchst. Die Zuschauer an der Strecke haben keine Mühe die Läufer bei Laune zu halten - Trompeten, Trommeln, Partytische - hier wird gefeiert.

21 km

Ahhh, der Halbmarathon.
Nach 1.46.42 h überlaufen wir die Gummimatte.
Leute jubeln, um uns herum tobt eine gigantische Party.
Hobbymusiker haben ihre Instrumente vor der Haustür aufgebaut und verbreiten eine
Stimmung wie auf einem Volksfest.
Das spornt an.
Ich bin ergriffen und bekomme glatt eine Gänsehaut!
Meine Beine sind locker und mein Puls ist unter 170.
Das ist gut, doch langsam bekomme ich Hunger.
Hatte ich nicht gelesen, daß irgendwo an der Strecke Powerriegel verteilt werden?
Deshalb hatte ich keine mitgenommen. Ich wollte nichts Unnötiges mitschleppen.
Hoffentlich war das kein Fehler!

22 km

Jetzt habe ich den Salat.
Mein Hungergefühl ist stärker geworden und beginnt sich meines Willens zu bemächtigen. Meine Beine werden schwer und mein Gesichtsausdruck spricht wahrscheinlich Bände. Wenn ich nicht bald was zu essen bekomme breche ich ein!
Wo ist der verdammte Stand mit den Powerriegeln?!?!?!

24 km

Das bin ich! (Mir geht es nicht gut.)Mir geht es schlecht.
Ich schleppe mich über die Straße. 
Ein Blick auf die Uhr: 5.40 min für den letzten Kilometer,
das ist zu langsam!
Ständig muß ich Ronny mahnen nicht so schnell zu laufen, denn mein Puls schießt in die Höhe.
Ich habe Unterzucker.
Knurrig sage ich: "Wenn du vorlaufen willst, dann mach! Du bist mir zu schnell!“
"Hast du Hunger?" fragt Ronny mich.
"Ha, ha! Ich könnte eine Kuh verdrücken!
Wo ist der scheiss Stand mit den Powerriegeln?"

25 km

Ich bin schlecht drauf, habe tierischen Hunger und fühle mich schlapp, wie eine nasse Zeitung!
Ronny sagt nix und zeigt nur mit dem Finger nach vorn. Da ist er der nächste Verpflegungsstand.
In der Ausschreibung stand, daß der Stand an dem die Powerbars verteilt werden, hier sein soll.
Nur, wo ist der Mann (oder die Frau) der sie verteilt?

Ahhh, da steht er!
Leider sind in der Kiste keine Power-Bars, sondern Gel, doch das ist mir jetzt  sch... egal.
Ich greife zu, wie ein verdurstender nach einer Flasche Wasser.

Fünf Stück habe ich ergattert!
Zum Glück will Ronny Nichts, denn von dem Gel bekommt er Magenschmerzen – Gut für mich!!!
Eine kleine Tüte Gel hat ca. 125Kcal. Das wären zusammen 625Kcal!

Klasse!

In der Stunde verbrenne ich ca.700Kcal, das reicht dicke bis ins Ziel!
Gierig reiße ich eine Tüte nach der Anderen auf, drücke mir den Inhalt in den Mund und spüle mit viel Wasser hinterher. In einer viertel Stunde müßte es wirken.

27 km

Meine Kräfte kommen wieder.
...vor allem mein Gesichtsausdruck wäre schon wieder viel freundlicher... - meint Ronny!
Das Gel tut seine Wirkung, jetzt geht mein Puls auch nicht mehr bei jeder Kleinigkeit in
die Höhe.

30 km

Die Zeit 2.34.04 h.
Das sind 4.04 über der Zeit, wir müssen uns sputen!!!
Meine Schlappe zwischen km 20 und km 27 hat uns Zeit gekostet aber jetzt bin ich wieder voll da.

Jetzt gilt’s! Der Rhythmus ist gut!

31 km

Wir holen auf, den letzten Kilometer sind wir in 4.50 min gelaufen.
Suuuper!!!
Wir haben es drauf. Die Zeit beflügelt uns, die Trainingseinheiten waren nicht um sonst.
Da ist auch die Wand, an der ich im letzten Jahr Krampf aus meinem rechten Bein drücken mußte, ich muß lächeln.
Die Getränke der letzten 2,5 h drücken nun auch auf unsere Blasen.
Der nächste Baum ist unser!

34 km

Das ist Ronny! Am Straßenrand steht eine Frau mit ihrem Sohn.
Sie hält ein Schild in der Hand mit der Aufschrift:
„Lauft!!! Nur noch acht Kilometer!“ 
‚Mensch! Nur noch Acht!‘ schießt es mir durch den Kopf.
‚Für acht Kilometer brauche ich in etwa 31min.
Soll ich es wagen?
Acht Kilometer Vollgas?
Klar!
Entweder es klappt, oder ich stehe an der nächsten Wand. Jetzt oder nie!‘
„Ich laufe jetzt Alles was geht, kommst du mit?“, frage ich Ronny.
„Lauf schon vor, ich komm dann nach!“, meint er und gibt mir sein OK.
Jetzt lauf ich mich leer! Alles was die Beine hergeben!

37 km

Es läuft, es läuft, es läuft!
Ich habe eine gehörige Portion „Spaß“ im Kopf.
Ist das etwa das berühmte „Runner’s High“ ?
Wenn, dann habe ich eine ordentliche Überdosis!
Ich zieh durch. Ich bin auf der Überholspur in einem Porsche – und ich fahre ganz weit links! Es scheint, als würde ich an den anderen Läufern vorbei fliegen. Alle haben zu kämpfen.
Bei Kilometer 30 fängt der Marathon bekanntlich erst an. Für mich heute scheinbar nicht.
Wo wohl Ronny ist?
Ich denke er kommt schon klar! Weiter...

40 km

Das bin ich auch! (Alles wieder in Ordnung!)Die große, dicke Uhr lacht mich mit einer Zeit von
3.27.55 h an - Klasse!
Mir läuft ein Schauer der Begeisterung den Rücken hinunter. Seit meinem „Start“ bei Kilometer 34 haben mich nur zwei Läufer überholt.
Jetzt ist es klar, die 3.30.00 h werde ich nicht schaffen, aber auf jeden Fall eine Zeit, die um Längen besser ist als die
3.49.?? h vom letzten Jahr.

42,195 km

Ziel!!!
Geschafft! Die Zeit: 3.37.15 h
(Wie ich später erfahre Platz 2578).
Ich bin überglücklich und könnte die ganze Welt umarmen. Jeder Trainingskilometer hat sich gelohnt für dieses Gefühl.
Mann, ich könnte platzen vor Glück!
Wo ist Ronny?
Hatte er Probleme, oder kommt er gleich um die Ecke? Lange dürfte er nicht hinter mir sein.
Da ist er!
Nur knapp 1min hinter mir bei 3.38.42 h (Platz 2638) kommt er ins Ziel und wir fallen uns in die Arme!

Am Kaffeestand frage ich:
„Und wann melden wir uns für den Rennsteiglauf?“
Ronny sieht mich verdutzt über den Rand seiner Kaffeetasse an und sagt mit einem Lächeln im Gesicht
„Darf ich noch in Ruhe austrinken?“

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