3.8 km - Schwimmen

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Am Eingang zur Wechselzone steht, genau wie gestern, der nette Mann vom Fahrradladen hinter einem Tapeziertisch voller Ersatzteile.
"Moin!" , sage ich und gucke verschlafen aus der Wäsche.
"Na, hat's geklappt mit dem Tacho? Haste Einen dabei?" frage ich ihn und warte instinkstiv auf eine negative Antwort.
"Natürlich, was hast du denn gedacht!?" , sagt er und hält ihn mir vor die Nase.
Mir fällt ein Stein vom Herzen - ich bin gerettet!

5.20 Uhr

In der Wechselzone herrscht reges Treiben.
Jeder ist mit sich beschäftigt.
Um uns herum stieren unzählige Augenpaare riesige Löcher in die Luft. Überall sieht man konzentrierte und gleichwohl der Wirklichkeit entrückte Blicke.
Jeder ist mit seinen Gedanken wo anders und viele im Geiste schon unterwegs auf der Strecke.
Hier sind nur noch ihre Körper.
...man könnte sich von einem Haufen Zombies umgeben fühlen , die mit starrem Blick, wie ferngesteuert durch die Gegend tappen.

...mittendrin stehen wir und fühlen uns ein wenig verloren.

6.20 Uhr

Ich bin auf der Suche nach einer Toilette.
Innere Organe sind eine Sache für sich. Man kann ihnen gewisse Regelmäßigkeiten antrainieren und auch sonst ganz gut mit ihnen auskommen, solange man nichts unerwartetes von ihnen verlangt, wie zum Beispiel:

...morgens etwas früher zu funktionieren.

Zu dumm, daß mein Darm nicht mit mir aufgestanden ist.
Nein - er mußte ja unbedingt noch weiterschlafen bevor er heute morgen damit begann, sich endlich um seinen Job zu kümmern - das war vor 15min!

Noch vor einer dreiviertel Stunde waren keine Schlangen vor den Toilettenhäuschen, jetzt sieht das anders aus - vor jeder Schüssel stehen mindestens sechs Mann.
Ich habe keine Wahl.
Bevor noch andere auf die Idee kommen, daß ein leerer Darm zu einer guten Wettkampfvorbereitung gehört, flitze ich schnell zu einem der Häuschen,
stelle mich hinten an und hoffe, daß die Fünf vor mir keine Zeitung dabei haben.

In der Schlange neben mir steht ein braungebrannter junger Typ mit einer Rolle Toilettenpapier.
éTOILETTENPAPIER!!!', schießt es mir durch den Kopf.
"Ist da drinnen eigentlich Klopapier?"
"Nee, denke nicht."
"Hmmmm, kann ich ein Stückchen von dir haben?"
"Kein Problem." , sagt er und wickelt einen guten Meter Papier von der Rolle ab und gibt es mir.
Das war das Stichwort!
Andere aus den Reihen haben unseren Gespräch verfolgt und erkennen langsam, daß sie in hygienische Bedrängnis kommen, sobald sie im Häuschen sind.
Nach zwei Minuten hat er nur noch für sich selbst einen kurzen Streifen in der Hand.

6.40 Uhr

Ich bin zurück in der Wechselzone.
"Na das war haarscharf, ich mußte mir noch Papier besorgen!"
Ronny hat schon angefangen sich umzuziehen.
"Sieh doch mal hoch zur Brücke!"
"Was!?" sagt er.
"Na da oben auf der Brücke!!!"
Er dreht den Kopf und kann es nicht fassen.
Auf der ???m langen Brücke über den Main-Donau-Kanal stehen mittler Weile so viele Leute, daß es einiges an Durchsetzungsvermögen bedürfen würde, einen Platz am Brückengeländer zu ergattern.
"Das gibt's doch gar nicht! Wo kommen die denn alle her??? Es ist erst viertel vor Sechs, da schläft der normale Zuschauer doch noch!!!"
Mein Blick schweift das Brückengeländer entlang, den Wiesenhang hinunter zum Rand der Wechselzone. Dicht an dicht stehen jetzt auch die Zuschauer
an den Absperrgittern. Die meisten Starter sind inzwischen schon umgezogen und hampeln ziellos in der Gegend rum.

Wieder sehe ich zur Brücke hoch    -    "Unglaublich!"

...dann steige auch ich in meinen Neo und wir helfen uns gegenseitig bei den Reissverschlüssen.

7.15 Uhr

Noch fünf Minuten bis zum Start.
Ich muß los.
Ronny hat noch etwas Zeit, denn er ist erst 7.20 Uhr dran.
"Alles Gute!" , Ronny lächelt unsicher.
"Das wünsche ich dir auch!" , sage ich, klopfe ihm noch einmal auf die Schulter, werde das Gefühl nicht los, genau so hilflos aus der Wäsche zu gucken und gehe mit dem Gesichstausdruck ins Wasser, den Pferde normaler Weise aufsetzen, wenn sie das erste Mal einen Anhänger besteigen sollen.
Ich habe mir vorgenommen, mich ein wenig weiter hinten, so etwa im hinteren Drittel meiner Startgruppe zu halten, um nicht gleich zu Anfang in eine Wasserschlägerei zu geraten.

Peng! Der Startschuß.

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Die vorderen Schwimmer rasen los, als hätten sie einen Termin.
Ich drücke die Stoppuhr, ziehe das Ärmelende meines Neos darüber und mache mich lang.
Nur die Ruhe, der Tag ist heute lang. Schön langsam anfangen und dann nach hinten raus durchstarten, sage ich mir und grinse dabei in die Wellen.
Ich halte mich etwas rechts des Feldes, hier habe ich meine Ruhe.
Es geht mir gut, locker ziehe ich meine Bahn, mit einem Dreierzug habe ich genug Luft.
Die Orientierung fällt mir viel leichter als letztes Wochenende beim Triathlon in Leipzig.
Im Kulkwitzer See mußte ich hinter der Wende auf dem Rückweg ständig den Kopf heben, um zu sehen wo ich bin.
Heute ist das anders, wenn ich nach rechts atme - sehe ich die Uferböschung, wenn ich nach links atme - habe ich die anderen Schwimmer aus meiner Gruppe im Blick.

200m

Meine Gedanken gehen auf Wanderschaft und überlassen meinen Körper dem trüben Naß.
Plötzlich, gerade als ich den Kopf nach links drehe, trifft mich ein heftiger Schlag ins Gesicht. Ein anderer Schwimmer hat mich mit dem Arm am Kopf getroffen, als er seinen rechten Arm für den nächsten Zug nach vorne geschwungen hat.
Erschrocken halte ich kurz inne, schwimme auf der Stelle und warte auf den Wassereinbruch in meiner Schwimmbrille. Nichts, obwohl sie etwas verrutscht ist hält sie dicht!
Gut, daß ich die neue Brille habe, denke ich, meine Alte wäre mir bei dem Hieb vom Gesicht geflogen.

250m

Ich schwimme aus Versehen so weit rechts am Ufer, daß meine Arme den Grund berühren - steuere wieder etwas in Richtung Kanalmitte.

350m

Zeitweise nehme ich meinen Kopf so weit es geht in den Nacken um zu sehen, was sich vor mir abspielt und um vielleicht die Brücke zu erkennen. Noch ist sie nicht zu sehen.
Oder doch? War da nicht eben zwischen zwei Wellen ein Etwas, das ihr ähnlich sehen könnte?
Genau kann ich nicht sagen, was ich gesehen habe. Nur nicht nervös werden, lang hinlegen, ein Arm nach dem anderen durch's Wasser ziehen und abwarten.
Langsam zieht die Uferböschung an mir vorbei - oder ich an ihr? Ist wohl Ansichtssache und eine Frage des jeweiligen Standpunktes.

Viel sieht man hier nicht im Wasser, im Gegensatz zum Schwimmbad ist das hier eine milchigbraune Suppe. Wenn jemand vor einem schwimmt, sieht man ihn erst, wenn dessen Beine 50cm vor der eigenen Nase hängen und dann auch nur durch die Luftblasen die diese machen.

500m

Jetzt kann ich die Brücke erkennen.
Ruhig ziehe ich meine Arme durch's Wasser. Ich muß an letzten Sonntag denken und finde, es läuft heute richtig gut.
Mit meinen Beinen mache ich nur wenig, schließlich bekommen sie heute noch genug zu tun. Ich versuche mich darauf zu konzentrieren, daß sie nicht zu tief im Wasser liegen und den Kanalboden pflügen. Ich muß Kraft sparen.

800m

Die Brücke scheint jetzt zum Greifen nah. Langsam komme ich ihr näher.

900m

Ich schwimme in den Schatten der Brücke.
Es ist schon eigenartig unter einer Brücke hindurch zu schwimmen, vor allem, wenn man sich bewußt macht, daß das sonst nur Schiffen vorbehalten ist und überhaupt - wo bitte schwimmt man in einem Badesee unter einer Straßenbrücke hindurch?
Meine Startgruppe hat sich weit auseinander gezogen.
Inzwischen komme ich auch ab und zu an Schwimmern mit orangefarbenen Badekappen vorbei, die fünf Minuten vor mir gestartet sind.

Auf einmal bemerke ich einen immer stärker werdenden rythmischen Wasserstoß.

Ich schaue nach vorne, kann aber nichts sehen. Vorsichtig schwimme ich weiter.
Wieder ein Wasserstoß.
Dann noch einer...
...und noch einer.
Ich sehe nach vorn.
Vor mir zappeln zwei Beine, verschwinden für einen Augenblick und kommen dann wieder rasend schnell auf mich zu.
Ein Brustschwimmer!
Erst jetzt kann ich ihn ausmachen und seinen tretenden Beinen aus dem Weg "gehen".

1300m

So weit, so gut, die Brücke haben wir hinter uns gelassen.
Wie weit ist es jetzt noch bis zur Wendeboje?

1500m

Ich schaue nach vorne und versuche mich im trüben Wasser zu orientieren.
Halb links etwa in der Mitte des Kanals entdecke ich ein großes rot-weißes Etwas.
Sollte das schon die Wende sein?
Wendeboje - ein schöner Platz, um seine Gedanken daran zu hängen. Dort habe ich die Hälfte geschafft. Bis jetzt war die Schwimmerei kurzweilig.
Mit positiven Gedanken im Kopf geht die Arbeit wie von selbst.

1700m

Immer mehr Schwimmer mit blauen Badekappe drängen in unser Feld (5min nach mir gestartet)
Bin ich wirklich so langsam? Verwundert sehe ich mich um. Um mich herum sind allerdings auch viele Schwimmer mit orangefarbenen Badekappen (5min vor mir gestartet).
Ich bin wieder beruhigt.

1900m

Ah, die Wendemarke ist da!!!
Ab jetzt geht es zurück. Wieder mache ich mir die Brücke zu meinem nächsten Ziel.
Ich denke man muß sich große Aufgaben, gerade solche, die unausführbar oder gar unmöglich erscheinen, in kleine Teile unterteilen. Dadurch wird die ganze Sache übersichtlicher und Teilziele oder Teiletappen erscheinen erreichbarer. Ich denke nach...

2900m

Wieder ist die Brücke da.
Hab ich geträumt?
War ich jetzt wirklich schneller oder kam es mir nur so vor?

3000m

Kurze Zeit später krabbelt etwas an meinen Füßen.
Aha, da ist schon wieder einer schneller als ich.
Als ich beim nächsten Zug nach links atme, erkenne ich tatsächlich Ronny, der mit langen ruhigen Zügen an mir vorbei schwimmt.
Ob er mich erkannt hat?
Unwahrscheinlich!
Oder vielleicht doch?
Fünf Minuten hat er also schon Vorsprung, mal sehen wieviel er noch beim Schwimmen heraus holt.
Trotzdem muß ich ruhig bleiben, "mein Rennen" schwimmen...

3200m

Ich kann die Wechselzone erkennen!
Winzig, wie ein Modell im Maßstab 1:27 hängt sie voraus, knapp über den Wellen.
Au Backe ist das noch weit!
Ich versuche mich wieder auf meine Arbeit im Wasser zu konzentrieren und auf die immer zahlreicher werdenden Brustschwimmer zu achten, die wie wilde Gäule nach hinten austreten.
Allein der Wasserschwall, der mich beim Näherkommen trifft, schafft einen bleibenden Eindruck, ich möchte nicht wissen wie es ist getreten zu werden.

Wieder ein flüchtiger Blick nach vorn. Die Zelte in der Wechselzone sind schon zu erkennen. Auch die Brücke über den Main-Donaukanal, auf der schon lange vor dem Start so viele Menschen standen, kommt wieder näher.

Ich fühle mich noch gut. Arme und Beine sind ok., aber ich würde gerne etwas trinken.
Und wenn ich richtig ehrlich bin, habe ich genug vom Schwimmen.
Ich will auf's Rad.

3500m

Schwimmen isoliert.
Ich bin für mich allein, höre nichts - nur das Klatschen der eigenen Arme, wenn sie auf die Wasseroberfläche krachen und das Blubbern meines Atems, wenn die Blasen mir über's Gesicht rollen, bevor sie im trüben Wasser verschwinden.
Die Zuschauer, wenn überhaupt, sieht man nur weit entfernt am Ufer.

3600m

Habe ich Hunger?
Nein!
...noch nicht
...aber trinken wäre ne nette Idee.
Jetzt kann ich auch den Ausstieg erkennen. Es ist nicht mehr weit!
Mein Armzug wird schneller - ich will raus hier!
Hinter der letzten orangefarbenen Mittelboje sehe ich wie die vor mir Schwimmenden direkt nach links zum Ausstieg abbiegen. Kürzen die hier alle ab oder ist das in Ordnung?
Ich dachte ich hätte eine Leine mit vielen weißen Kullerchen gesehen, die zum Schwimmausstieg führen.

3800m

Es ist in Ordnung!
...noch 30m...
...noch 20m...
...noch 10m - ich spüre Boden unter meinen Füßen.
Mir ist vom Schwimmen nocht etwas düselig und ich bin froh, daß einer der Helfer, die am Ufer stehen auch meinen Arm greift, um mich aus dem Wasser auf die Treppe zu hieven.
Aus dem Wasser geht es über eine Betontreppe die Uferböschung hinauf, hier stehen noch mehr Helfer, die den torkelnden Schwimmern weiterhelfen.

Von der Treppe geht es über einen grünen Kunstrasen zum Umkleidezelt.
Hier sind alle Kleiderbeutel den Nummern nach aufgereiht. Benommen trabe ich über den Teppich, greife nach meinem mit der Nummer 2171 und tappe in das Zelt.

Drinnen herrscht Chaos.
...hmmm, wie beschreib ich das nur?
Ich versuch's mal so:
Schliesst einfach die Augen, denkt an euer Wohnzimmer und versucht euch vorzustellen, dass dort gerade 20 Mann dabei sind, sich um die Wette umzuziehen, nun habt ihr in etwa das, was sich hier vor meinen Augen abspielt.

...sorry, ich habe vergessen zu sagen, daß das Wohnzimmer 12 Quadratmeter hat.

Ich gehe weit nach hinten durch.
Kaum habe ich meinen Kleiderbeutel auf die Bank gelegt, kommt schon ein Helfer angesprungen und hilft mir dabei, mich aus dem Neo zu ziehen. Mein Atem geht schwer und meine Bewegungen sind unkontolliert und tapsig.
Von dem Wirbel um mich herum bekomme ich nur einen Bruchteil mit.
Um so erstaunter bin ich, als ich bemerke, daß der Helfer nun auch schon meinen Kleiderbeutel ausgeräumt hat und mir meine Radsachen reicht.
"Wirklich klasse, wie das hier organisiert ist!" , sage ich schnaufend, streife mein Radtrikot über und stürze mit einem "Danke!" aus dem Zelt.

Ich glaube er hat gelächelt.

...aber wie schon gesagt...

...ich habe nicht alles so richtig mitbekommen...

Schwimmen 1.Wechsel Rad 2.Wechsel Lauf Gesamtzeit
Ronny 1.06.42h 5.05min
Heiko 1.16.26h 5.04min

Diese Bücher helfen weiter:
Richtig Schwimmen von Josef/Michael Hahn Giehrl
Schwimmen. Training, Technik, Taktik von Werner Freitag
Schwimmbibliothek, Bd.5, Kraulschwimmen von Iris Komar

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