24h vor dem Start

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Es ist 22.30 Uhr.
Nur wenige Kilometer vom Start entfernt, liege ich in einem kleinen Zimmer mit einem Tisch, zwei Stühlen und einem schmalen Kleiderschrank im Bett und versuche zu schlafen.
Mein Handy und die Armbanduhr liegen neben mir auf dem Nachttisch - Weckzeit: 04.00 Uhr!
Draußen prasselt der Regen auf das Vordach der Pension.
Die Fahrt hierher war die reinste Hölle.

Gegen halb neun sind wir in Camberg mit zwei Autos losgefahren, aber bald in den Staus auf der A3 hängen geblieben.
'Die Startunterlagen müssen wir bis 15.00 Uhr abgeholt haben.' schoß es mir immer wieder durch den Kopf und allmählich schmolz meine Geduld dahin wie Butter in der Sonne.
Noch während der Fahrt rufe ich meine Eltern an, die schon in Rednitzhembach angekommen sind und bitte sie mal in der Speisekarte nachzusehen, ob es auch Nudeln mit Tomatensoße und Thunfisch gibt, falls nicht, müßte ich mir was einfallen lassen oder wo anders essen.
Kurze Zeit später bimmelt es und meine Mutter sagt mir, daß die Wirtsleute genug Nudeln im Haus hätten, nur keinen Thunfisch, deshalb haben sie vor ein paar Minuten den Jungen los geschickt, noch welchen zu kaufen.
Ich staune, daß die sich so viel Mühe machen.
Kurz nach 14.00 Uhr sind wir endlich da. Zu viele Stunden für wenige Kilometer.
Nach dem Einchecken hocken wir uns an einen der vielen Tische auf dem Festplatz und bestellen uns ein paar Nudeln, meine vorhin georderte Portion in der Pension läuft ja nicht weg.
Ronny ist völlig neben der Spur und benimmt sich eher wie ein kleines Kind.
Er sagt nichts, guckt verschlafen aus der Wäsche, ist ningelig und der Überzeugung ihm sei schlecht.
Ich glaube die Aufregung ist ihm erst auf den Appetit, dann auf den Magen und später auf's Gehirn geschlagen.
"Trink erstmal ein Bier, damit ich wieder normal mit dir reden kann!" sage ich vorsichtig zu ihm.
Ein zaghaftes Lächeln huscht über sein Gesicht, so als wäre eben ein Begriff gefallen, der ihm einmal sehr vertraut war, er sich aber nicht erinnern kann, ob das nun eine Tatsache aus seinem Leben vor dem heutigen Tag ist oder nur eine vage Vermutung, aus den Tiefen seines verwirrten Geistes.

Einen Wimpernschlag später entscheidet er sich dann doch dafür, die Sache mit dem Bier als eine Tatsache anzusehen und ruft die Kellnerin.

Während Ronny einige Minuten später versucht im Zwiegespräch mit dem Bier sein verlorenes ICH wiederzufinden, schlendere ich ein wenig über den Festplatz.
Viele Stände sind hier aufgebaut. Das Angebot an Triathlonzubehör ist unüberschaubar. Auf einen Schlag könnte man hier locker mehrere Monatsgehälter ausgeben, wäre danach verdammt pleite und würde immer noch etwas finden von dem man meint, es gut gebrauchen zu können.

Ich denke zurück.
Als ich 20 war habe ich mit einem Freund zusammen eine Übertragung des IRONMAN-Hawaii gesehen und wir haben damals gedacht: ‚Das ist ja völlig irre! Das müßte man mal machen.'
"Wenn du das packst bist du der Held!" , habe ich noch gesagt, doch der Gedanke ist danach schnell wieder in den Notwendigkeiten des Alltags versunken.
Seit dem sind mehr als zehn Jahre vergangen. Ich habe einiges ausprobiert und bin nach der Entdeckung des Irrwegs "Bodybuilding" zurück zum Laufen gekommen und über den Marathon durch meinen Freund Ronny beim Triathlon gelandet.
Jetzt bin ich hier und morgen wird sich zeigen ob ich ein Held bin oder nicht.
Mein Blick schweift durch das aus mehreren Tribünen zusammengesetzte Stadion
Mir ist einen Moment lang, als könnte ich in die Zukunft sehen.
Die Tribünen sind voller jubelnder, winkender Menschen, es ist sonnig, der Sprecher auf der Tribüne feuert die Zuschauer an, die Finisher gebührend zu begrüßen, Musik tobt aus den Lautsprechern, die Menge ringsum auf den Tribünen tobt.
Nur Eines fehlt noch: Ich, der mit erhobenen Armen durch's Ziel läuft.

Als ich zurück bei Ronny und Birgit am Tisch sitze, ziehen dunkle Wolken auf.
Später auf der Fahrt nach Helm... beginnt das Unwetter richtig. Es stürmt und regnet so heftig, daß meine Scheibenwischer kaum hinterher kommen.
So ein Mist! Was soll das nur morgen werden? Das haben wir nicht verdient! denke ich.

In der Pension warten schon meine Eltern.
Freudige Begrüßung. Es ist der erste Wettkampf bei dem sie zuschauen.
Natürlich wissen sie was ich in meiner Freizeit so treibe, auch die Distanzen des morgigen IRONMAN-Wettkampfes habe ich ihnen erzählt, aber nackte Zahlen zu hören, ist die eine Sache, sich eine Vostellung davon machen zu können, die andere.

Ich krame meine Sachen aus diversen Körben und Taschen hervor und versuche mir darüber klar zu werden, was ich alles für's Radfahren und Laufen brauche, um die richtigen Sachen in die dafür vorgesehenen Kleiderbeutel zu verstauen.
Etwas hilflos fange ich an, sortiere hin, sortiere her, packe das eine aus und dafür etwas ähnliches wieder ein.
Meine Eltern sitzen dabei und verfolgen mein Tun mit Augen, bis meine Mutter merkt, daß auch ich nervlich angekratzt und selbst mit einer scheinbar so einfachen Sache, wie der Sortierung meiner Sachen überfordert bin und meinen Vater auffordert mit ihr in die Gaststube zu gehen, um eine Kleinigkeit zu essen.

Ich bin ihr dankbar, denn bei jedem Handgriff habe ich die Angst etwas wichtiges zu vergessen.
Mit zittrigen Händen und wirrem Blick verteile ich meine Sachen auf die Beutel.

Gegen 18.00 Uhr machen wir uns auf die Socken und fahren nach Hilpoldstein um unsere Räder abzugeben. Beim Verstauen unserer Körbe stelle ich entgeistert fest, daß natürlich DOCH etwas fehlt. Ich habe meinen Tacho vergessen. Mir fällt alles aus dem Gesicht.
Ohne Tacho sind 180km Rad wie ein Blindflug.
Kein Anhaltspunkt über die Geschwindigkeit zu haben, bedeutet nicht zu wissen ob man zu langsam oder zu schnell unterwegs ist.
Zu langsam heißt, ich büße Zeit ein, kann aber den Marathon noch mit genug Kraftreserven angehen.
Zu schnell bedeutet, dass ich zwar auf der Radstrecke ein wenig Zeit gut mache, aber auf der Laufstrecke dafür büßen muß, weil es mich schlicht und ergreifend einfach weghaut.

Die Fahrt durch den Regen von Rednitzhembach nach Hilpoldstein ist in zehn Minuten erledigt.
Direkt am Eingang zur Wechselzone hat ein hiesiger Fahrradladen einen kleinen Service-Stand in Form eines Kleinbusses und zwei Tischen aus dem Boden gestampft, der aber alle erdenklichen Möglichkeiten bietet, im Wettkampf-Vorbereitungsstreß vergessene Sachen nachzukaufen oder den einen oder anderen Defekt noch schnell beheben zu lassen.
Ich frage den Mann nach einen Tacho.
Er hat zwar keinen dabei, verspricht mir aber morgen früh einen mitzubringen.
Ich hoffe das Beste...

Es nieselt ungemütlich.
Die Wechselzone ist groß.
Nein! Sie ist gigantisch!
So etwas habe ich bisher noch nicht gesehen. Mir läuft ein kalter Schauer den Rücken hinunter.
Hier also wird morgen früh alles beginnen...ich muß schlucken...
Äußerlich ruhig aber doch mit erhöhtem Puls richten wir unsere Plätze ein und geben unsere Beutel für's Laufen an den LKW's ab.
Einige Starter haben wegen dem Regen ihre Räder, insbesondere die Kette und die Ritzel mit Plastiktüten abgedeckt.
Die Radbeutel, tönt es blechern aus den Lautsprechern, sollen wir wegen des ständigen Regens erst morgen früh auf dem Weg deponieren, der vom Schwimmausstieg zum Umkleidezelt führt.

Dann fahren wir zur Wettkampfbesprechung.
Eine erwartungsschwangere Hoffnungswolke schwebt über den Teilnehmern, die dicht gedrängt im Festzelt sitzen und den Sprechern auf der Tribüne lauschen.
Nur drei Meter von uns sitzt ein Mann um die Siebzig in Sportklamotten und trägt wie eine Krone eine weiße IRONMAN-Kappe, die nicht von diesem Wettkampf ist (in unseren Beuteln hatten wir auch eine, aber die ist blau).

Ronny verzieht sich gleich, nachdem wir von der Wettkampfbesprechung kommen sich auf sein Zimmer.
Er will noch ein paar Brote essen und bald schlafen - ihm ist noch immer nicht gut.
Wir anderen, das heißt Birgit, Robert meine Eltern und ich setzen uns noch unten ins Lokal.
Bei der Gelegenheit verdrücke ich meinen zweiten und dritten Teller Nudeln für heute - in dieser Teildisziplin liege ich schon ganz weit vorn.

Als ich wenig später einen Schlüssel zu Ronny hochbringe, den ich versehentlich eingesteckt hatte, schläft er schon tief und fest.

Es ist müßig, sich Gedanken zu machen, immer und immer wieder mögliche Zeiten zusammen zu rechnen und eine Strecke zu überdenken, die wir nicht kennen.
Letzten Endes muß ich morgen nur Eines - mich bewegen bis ins Ziel!

Lange bleibe ich auch nicht mehr wach und gehe gegen 22.30 Uhr ins Bett.

Mitten in der Nach wache ich auf.
Ich muß zur Toilette. Bewußt schaue ich nicht auf meine Uhr und hoffe, daß es noch genug Zeit bis 4.00 Uhr sein möge, um noch etwas zu schlafen. Unbeholfen und verschlafen tapse ich mit halbgeschlossenen Augen auf die Toilette und krabbel gleich wieder unter meine Decke.
Kaum, daß ich mir die Bettdecke über die Ohren gezogen habe, schlägt die Kirchturmuhr auch schon vier Mal - ich habe mich bestimmt verhört!
Bitte, bitte, laß es nicht wahr sein!
Doch als hätte die Kirchturmuhr nach einer moralischen Unterstützung verlangt, bimmeln einen Augenblick später meine Armbanduhr und mein Handy um die Wette.
Erschrocken, vom Tiefschlaf gelähmt und enttäuscht von der europäischen Zeitrechnung, räume ich, bei dem Versuch Beides gleichzeitig auszuschalten, den Nachttisch ab und verschaffe mir dadurch nun selber einen triftigen Grund aufzustehen, um der hirnerweichenden Geräuschkulisse ein Ende zu bereiten und die Nachttischlampe aufzuheben.

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